Elterlicher Optimismus bei krebskranken Kindern

referiert und kommentiert von: Dr. Antje Tannen

Patienten mit onkologischen Erkrankungen überschätzen häufig ihre Überlebenschancen. Gleiches gilt für Eltern krebskranker Kinder. Unklar ist bisher noch, welche Faktoren eine realistische Einschätzung der Prognose begünstigen. In einer Studie mit 194 Elternpaaren krebskranker Kinder sollte untersucht werden, ob die Eltern die Heilungschancen ihres Kindes günstiger einschätzen als die behandelnden onkologischen Pädiater und welche Einflüsse zu einer optimistischen Überschätzung des Krankheitsverlaufes beitragen können. Am Kinderkrankenhaus des Krebszentrums in Boston wurden die Eltern von 276 Kindern zur Studie eingeladen. Davon beteiligten sich 70 Prozent und füllten einen Fragebogen aus. Anschließend wurden die jeweils zuständigen Pädiater gebeten, ebenfalls Fragebögen auszufüllen. Die Mehrheit der Eltern, 61 Prozent, waren optimistischer als die zuständigen Ärzte in Bezug auf die Heilungschancen ihres Kindes. In 29 Prozent aller Fälle stimmten die Einschätzungen überein, 10 Prozent der Eltern waren pessimistischer als die Ärzte. Die Eltern mit der pessimistischen Einstellung waren sich dieser auch zum Großteil (84 Prozent) bewusst. Anders die optimistischen Eltern – von diesen glaubten nur 5 Prozent, dass sie optimistischer seien als die Ärzte. Bei der Frage nach der Wahrscheinlichkeit von funktionellen Beeinträchtigungen und Einschränkungen in der gesundheitsbezogenen Lebensqualität stimmten die Einschätzungen weitgehend überein oder waren pessimistischer. Als ein Einflussfaktor auf die elterliche Beurteilung der Prognose wurde die Überzeugung der aufklärenden Ärzte im Hinblick auf die Heilungschancen genannt. Wenn in dem Gespräch mit den Eltern Fragen offen bleiben, kann dies zu optimistischer Überschätzung führen. Günstig für eine realistische Sicht erwies sich eine angemessene Einbindung der Eltern in Entscheidungsprozesse. Hinsichtlich des Kommunikationsstils der Ärzte schlussfolgern die Autoren, dass Ärzte dazu neigen, Nebenwirkungen der Behandlung detailliert zu beschreiben, aber wenig Informationen über die Heilungschancen zu liefern. Die gebräuchlichen Aufklärungsdokumente für die informierte Zustimmung zu Krebsbehandlungen zeigen ebenfalls diese Tendenz. Da nahezu alle Eltern krebskranker Kinder die Prognose ihres Kindeswissen wollen, ist eine effektive, also klare und präzise Aufklärung unbedingt notwendig, auch wenn Unsicherheit hinsichtlich der zu erwartenden Behandlungserfolge besteht.

Quelle: Mack J.W. et al. (2007) Understanding of Prognosis Among Parents of Children With Cancer: Parental Optimism and the Parent- Physician Interaction. Journal of Clinical Oncology 25, 1357–1362. Doi: 10.1200/JCO.2006.08.3170

Kommentar:

Die Studie untersucht ein wichtiges Thema im Bereich professioneller Kommunikation mit einer sensiblen Zielgruppe, wie den Eltern von krebskranken Kindern. Die verwendeten Fragebögen basieren auf vorangegangenen Studien zum Thema und enthalten geprüfte Einschätzungsinstrumente. Die Stichprobe wurde angemessen ausgewählt, allerdings sind Kinder mit hämatologischen Erkrankungen etwas zahlreicher vertreten als Kinder mit soliden Tumoren. Es ist also möglich, dass Kinder mit schlechterer Prognose etwas unterrepräsentiert sind und dadurch die Ergebnisse nur eingeschränkt verallgemeinerbar sind. Die Stichprobengröße kann für die meisten Berechnungen als ausreichend angesehen werden. Um die zahlreichen Einflussfaktoren auf die elterliche Einschätzung der Heilungschancen nochmals zu bestätigen, wäre eine Wiederholung mit einer größeren Stichprobe wünschenswert.

Dieser Beitrag wurde unter Coping/Stresstoleranz abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort