Artikel des Monats November – Einflüsse auf die Wahrnehmung und den Ausdruck von Schmerz

referiert und kommentiert von: Dr. Elke Mertens

Aus alltäglichen Beobachtungen und einzelnen Studien ist bekannt, dass es Geschlechterunterschiede in der Wahrnehmung, dem Ausdruck und der Toleranz von Schmerzen gib. Beispielsweise haben Frauen niedrigere Schmerzschwellen als Männer und können Schmerz differenzierter beschreiben. Um die Unterschiede systematisch zu beleuchten, analysierten Miller & Newton Studien, in denen der Einfluss von Sozialisation und Selbstwirksamkeitserwartung auf das Schmerzerleben von männlichen und weiblichen Studienteilnehmern untersucht worden war. Die in den 1970er Jahren von Bandura entwickelte Theorie der Selbstwirksamkeitserwartung beschreibt, dass Menschen, die erwarten, in einer belastenden Situation kompetent und erfolgreich handeln zu können, solche Herausforderungen besser meistern, als Menschen, die an einem Erfolg zweifeln oder erwarten zu scheitern. In ihrer umfangreichen Literaturrecherche konnten Miller & Newton fünf (quasi-) experimentelle Studien identifizieren, in denen die genannten Zusammenhänge untersucht worden waren. In einem Survey mit über 1000 Teilnehmern wurde bestätigt, dass Frauen eher und häufiger schweren Schmerz empfanden als Männer. Dies führten die Forscher einerseits auf biologische Unterschiede zurück und andererseits darauf, dass die Geschlechter von den Mitarbeitern  der Gesundheitseinrichtungen unterschiedlich behandelt wurden. In einer weiteren Studie wurden Männer und Frauen dem gleichen Schmerzreiz ausgesetzt. Hierbei berichteten männliche Teilnehmer niedrigere Schmerzwerte und zeigten eine höhere Toleranz gegenüber dem Schmerzreiz als Frauen. Ergänzende Untersuchungen ergaben, dass dieser Unterschied durch eine deutlichhöhere physische Selbstwirksamkeitserwartung bei den Männern erklärt werden kann. Dass die verschiedenen Selbstwirksamkeitserwartungen im Laufe der lebenslangen Sozialisation erlernt werden, legt eine Untersuchung mit 152 Kindern im Alter zwischen zwei Wochen und zwölf Monaten nahe. Hier wurden weder in der Gruppe der ganz jungen (2 Wochen bis 6 Monate) noch bei den älteren Untersuchungsteilnehmern (7 bis 12 Monate) geschlechterspezifische Unterschiede im Verhalten bei Schmerzen und im Ausdruck von Schmerzen festgestellt. Kulturelle Unterschiede in der Bewertung des Schmerzausdruckes wurden in einer Studie mit 226 gesunden Studenten in Indien und den USA deutlich. Inder hielten es insgesamt für weniger schicklich, offen Schmerz zu zeigen, als Amerikaner, wobei die Frauen in beiden Kulturen offene Schmerzäußerungen eher angemessen fanden als Männer. Schließlich wurde in einer Untersuchung zum postoperativen Schmerz (N = 162) bestätigt, dass Frauen höhere Schmerzwerte berichteten als Männer und ihren Schmerz besser beschreiben konnten. Miller & Newton setzen die beschriebenen Unterschiede mit verschiedenen Bewältigungsstrategien in Zusammenhang: Da Männer eher intrapersonale Strategien nutzen, tendieren sie dazu, Schmerzen eher zu tolerieren und zu ertragen, während Frauen, die stärker interpersonale Bewältigungsmuster anwenden, über den differenzierteren Schmerzausdruck Kontakt und Hilfe suchen und finden können. Als Fazit für die Praxis betonen sie, dass die Tendenz männlicher Patienten, nicht über Schmerzen zu sprechen, in der direkten Pflege berücksichtigt werden sollte.

Quelle: Miller, C., Newton, S. (2006): Pain Perception and Expression: The Influence of Gender, Personal Self-Efficacy, and Lifespan Socialization. Pain Management Nursing. 7(4); S. 148-152 Doi 10.1016/j.pmn.2006.09.004

Kommentar:  

Die systematisch aufbereiteten Forschungsbefunde bestätigen, dass Frauen eher, häufiger und schwereren Schmerz empfinden und/oder darüber berichten als Männer, und sie geben deutliche Hinweise darauf, dass diese Unterschiede sozial gelernt und durch die Art der Selbstwirksamkeitserwartung beeinflusst werden. Dies sollte bei der Versorgung von Menschen, die Schmerz haben (könnten), beachtet werden, wobei stets gilt, dass die eine Art, Schmerz zu erleben und auszudrücken, weder besser noch schlechter ist als die andere.

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