Ambulante Beratung von Patienten mit Herzinsuffizienz

referiert und kommentiert von: Dr. Antje Tannen

Der Verlauf einer Herzinsuffizienz wird maßgeblich durch die Therapie, aber auch durch das Verhalten der Betroffenen beeinflusst. Die in evidenzbasierten Richtlinien empfohlene medikamentöse Therapie sowie die ebenfalls empfohlene Patientenschulung werden durch niedergelassene Ärzte oft nur unzureichend angeboten. Besonders benachteiligt sind ethnische Minderheiten. In einer Interventionsstudie in New York wurde ein speziell an die nichtweiße Bevölkerung des Stadtteils Harlem gerichtetes pflegerisches Beratungsprogramm untersucht. Erwartet wurde, dass durch dieses Programm die Zahl der Einweisungen ins Krankenhaus sinkt und sich die physiologischen Funktionen der Betroffenen verbessern. An der Studie beteiligten sich alle vier Kliniken des Stadtteils und mit einer Ausnahme alle dort niedergelassenen Kliniker, darunter Ärzte und „nurse practitioners“. Einbezogen wurden Patienten, die mindestens 18 Jahre alt waren und nachgewiesenermaßen an einer Herzinsuffizienz litten. Außerdem mussten die Studienteilnehmer über Englisch- oder Spanischkenntnisse verfügen, zu Hause leben und sich in medizinischer Behandlung befinden. Nach einem Anamnesegespräch wurden die Patienten per Zufall entweder der Kontrollgruppe (welche nur die Standardversorgung erhalten sollte) oder der Interventionsgruppe (welche zusätzlich die Beratung erhalten sollte) zugewiesen. Die Beratung beinhaltete ein persönliches Gespräch über die Pathologie der Herzinsuffizienz und wichtige Aspekte zum Umgang mit der Erkrankung, wie Symptombeobachtung, Gewichtskontrolle, physische Aktivitäten, Diätempfehlungen, Alkoholkonsum und Einnahme von Medikamenten. Weitere Themen bezogen sich auf zusätzliche soziale Leistungsangebote und Absprachen über zukünftige Kontakte, wie vierteljährliche Telefonanrufe der Pflegekraft. Bei diesen telefonischen Folgeberatungen erkundigten sich die Pflegenden nach den Gefühlen und Krankheitsbeschwerden der Betroffenen, eventuellen Krankenhauseinweisungen, den Ernährungsgewohnheiten, der Gewichtskontrolle und der Einnahme von Medikamenten. Die Interventionsgruppe (n = 203) und die Kontrollgruppe (n = 203) waren vergleichbar hinsichtlich Alter, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Bildungsstatus, NYHA-Klasse (Schweregrad der Herzinsuffizienz) sowie Komorbiditäten (Diabetes, ischämische Herzerkrankung und chronisch obstruktive Lungenerkrankung [COPD]). Zur Überprüfung der Effektivität wurden ebenfalls Telefonate geführt, allerdings von einem Untersucher, der nicht wusste, welcher Gruppe der jeweilige Patient angehörte. Die Intervention endete nach zwölf Monaten und nach anderthalb Jahren wurden die letzen Telefonate geführt. Die funktionelle Gesundheit der Betroffenen wurde mithilfe eines krankheitsübergreifenden Fragebogens, dem SF-12, und eines symp tomspezifischen Fragebogens der Organisation „Minnesota Living with Heart Failure“ erfasst. Nach zwölf Monaten war die Rate der Krankenhauseinweisungen in der Kontrollgruppe (180 Einweisungen bei 74 Patienten) höher als die in der Interventionsgruppe (143 Einweisungen bei 62 Patienten). Auch sechs Monate später war dieser Trend noch zu beobachten. Bereits nach drei Monaten hatten die Patienten der Interventionsgruppe bessere funktionelle Werte als die der Kontrollgruppe. Nachdem die Intervention beendet war, verschlechterten sich die Werte jedoch auch in der Interventionsgruppe wieder, wenngleich nicht bis auf das Niveau der Kontrollgruppe

Quelle: Sisk J., Hebert P., Horowitz C.R., McLaughlin M.A., Wang J.J., Chassin M.R. (2006) Effects of Nurse Management on the Quality of Heart Failure Care in Minority Communities. Annals of Internal Medicine 145, 273–283 

Kommentar:

In der Studie von Sisk et al. (2006) wurde ein relevanter Interventionsansatz für die Behandlung von Patienten mit chronischen Erkrankungen untersucht. Der klinische Effekt eines niederschwelligen Beratungsangebots für vulnerable Gruppen konnte bewiesen werden. Gleichzeitig scheint die beschriebene Intervention praktikabel zu sein und ihre Umsetzbarkeit sollte auch in Deutschland für den ambulanten Sektor erprobt werden. Das Studiendesign (randomized controlled trial = RCT) erfüllt hohe wissenschaftliche Ansprüche und somit kann die detailliert beschriebene Intervention Eingang in evidenzbasierte Behandlungsleitlinien finden.

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