Sturzprävention für ältere Patienten im häuslichen Umfeld

referiert und kommentiert von: Dr. Antje Tannen

Stürze sind ein häufiger Grund für eine Behandlung älterer Menschen in einer Notaufnahme.  Australische Daten zeigen, dass ca. 30-40% der über 65-jährigen, die  nach einem Sturz in einer Notaufnahme behandelt werden, wieder direkt nach Hause entlassen werden. Für diese Risikogruppe könnten niederschwellige multifaktorielle Präventionsprogramme sinnvoll sein, um erneuten Stürzen und sturzbedingten Verletzungen vorzubeugen. In einer randomisierten kontrollierten Studie (RCT) wollten australische Forscher den Effekt eines Sturzpräventionsprogrammes für ältere selbstständig lebende Personen, die aufgrund eines Sturzes in einer Notaufnahme behandelt wurden und wieder direkt nach Hause entlassen wurden, überprüfen. Die Teilnehmer wurden in sieben Notaufnahmen in Melbourne, Australien rekrutiert. Alle Teilnehmer erhielten zunächst ein baseline-Assessment. Bei einem Hausbesuch durch einen Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Arzt oder einen Forschungsassistenten wurden demografische Daten, die Sturzumstände und Verletzungen, Sturzrisikofaktoren (mittels FROP Com = Falls Risk for Older People in the Community), Depression (mittels Geriatric Depression Scale), orthostatische Hypotonie erfasst. Daraufhin wurden die 712 Studienteilnehmer computergeneriert per Zufall den Gruppen zugeteilt. Die Interventionsgruppe (n= 351) erhielt individualisierte auf dem Assessment beruhende Überweisungen zu Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Fußpflegern, Diätassistenten oder Hausarzt sowie bei hohem Sturzrisiko zu speziellen Sturzkliniken. Weiterhin erhielten die Teilnehmer sturzrelevante Gesundheitsberatung, z.B. über den Besuch eines Augenoptikers, das Tragen von Hüftprotektoren, Sicherheitsaspekte beim Schuhwerk oder kleine Veränderungen in der häuslichen Umgebung. Die Kontrollgruppe (n=361) wurde schriftlich über ihr Sturzrisiko (nach FROP Com) aufgeklärt und erhielt die übliche Versorgung und Beratung durch das Personal der Notaufnahme. Primäre Endpunkte waren Sturzereignisse und sturzbedingte Verletzungen innerhalb von 12 Monaten nach Intervention. Außerdem wurde die Einhaltung der Empfehlungen erfasst. Die Teilnehmer wurden aufgefordert, einen Sturzkalender zu führen und diesen monatlich an die Forscher zuzusenden. Es erfolgten außerdem zweimonatliche Anrufe. Sturzbedingte Verletzungen wurden mittels des “abbreviated Injury Scores” erfasst. Nach Ablauf der 12 Monate  wurden die Krankenakten der Teilnehmer nach Notaufnahmen oder Krankenhausbehandlungen durchgesehen. Die Einhaltung der Behandlungsempfehlungen wurde nach vier und sechs Monaten abgefragt. Die Teilnehmer sollten angeben, ob sie vereinbarte Termine wahrgenommen haben, welche Behandlung ihnen empfohlen wurde und ob sie diese wahrgenommen haben. Teilnehmer, die mehr als die Hälfte der Behandlungen eingehalten hatten, wurden als “behandlungskonform” (adherent) eingestuft. Es konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen der Interventions- und der Kontrollgruppe gemessen werden. In der Interventionsgruppe stürzen 50.9% und in der Kontrollgruppe 45.8% (RR=1.11, 95%CI= 0.95-1.31). Nach Adjustierung für vorherige Stürze, Balance, ADL-Level, FROP-Com und Englischkenntnissen (Stratifizierungskriterium)  betrug das relative Risiko für Sturzraten pro Personenjahr 0.87 (95% CI= 0.65-1.17). In der Interventionsgruppe gab es 36.9% Verletzungen und in der Kontrollgruppe 34.8% (RR= 1.06, 95%CI= 0.86-1.29). Nach Adjustierung für vorherige Stürze und Balance betrug das relative Risiko für Verletzungsraten pro Personenjahr 1.08 (95% CI= 0.78-1.48). Die Personen der Interventionsgruppe wurden im Mittel zu zwei (Median) weiterführenden Angeboten überwiesen und erhielten im  Mittel eine sturzrelevante Empfehlung. Die größte Behandlungstreue gab es gegenüber Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Fußpflegern.

 Quelle: Russel MA, Hill KD, DAY LM, et al.: A Randomized Controlled Trail of a Multifactorial Falls Prevention Intervention for Older Fallers Presenting to Emergency Departments. Journal of the American Geriatrics Society 2010; 58: 2265-2274. doi: 10.1111/j.1532-5415.2010.03191.x

 Kommentar:

Die Fragestellung dieser Studie setzt an einem sinnvollen Zeitpunkt in der Gesundheitsversorgung an: bei älteren sturzgefährdeten Menschen, die nach einem Sturzereignis wieder ins häusliche Umfeld entlassen werden können. Das Risiko eines erneuten Sturzes besteht weiterhin, aber auch Sturzangst und daraus resultierende Mobilitätseinschränkungen können die Folge sein. Es konnte durch diesen RCT kein positiver Effekt gegenüber der Kontrollgruppe nachgewiesen werden. Mehrere Gründe kommen hierfür in Betracht: Die Forscher hatten keine Kontrolle über Art, Intensität oder Schwerpunkte des ambulanten Leistungsangebots durch die Therapeuten und auch nicht über die Therapietreue der Patienten. Beides ist entscheidend für eine sturzpräventive Wirkung. Außerdem erhielten die Teilnehmer der Kontrollgruppe eine Standardversorgung, die ebenfalls beratende Aspekte und Überweisungen zu Spezialisten beinhaltete.

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